Ich will so bleiben, wie ich bin – ja echt?

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Ich will so bleiben, wie ich bin – ja echt?

Ich bin eine Anpackerin. Wenn ich einen Krümel sehe, hole ich einen Besen. Wenn ich ein Problem sehe, suche ich nach einer Lösung. Wenn eine Freundin in Schwierigkeiten steckt, biete ich Hilfe an.

Mir fällt es ganz schön schwer, Dinge liegenzulassen, auf sich beruhen zu lassen. Mich damit abzufinden, dass sie sich nicht ändern lassen. Das ist ganz sicher Segen und Fluch zugleich. Fluch, weil man dauernd etwas findet, was angepackt werden will und man nur selten einfach mal gepflegt gar nichts tut. Segen aber auch, weil man Veränderung erlebt, bestenfalls sogar Verbesserung. Das beflügelt und motiviert, auch beim nächsten Mal wieder anzupacken.

Mir fällt es ganz schön schwer, Dinge liegenzulassen, auf sich beruhen zu lassen. Mich damit abzufinden, dass sie sich nicht ändern lassen.

Umso weniger passt es eigentlich zu mir, ziemlich wesentliche Dinge meines Lebens unangepackt zu lassen. Meine Geschichte zum Beispiel. Oder meinen Charakter. Doch das habe ich viele Jahre lang getan. Dafür gab es im Wesentlichen drei Gründe:

  1. Unwissenheit. Unwissenheit darüber, dass meine Geschichte tatsächlich heute und jetzt ganz konkreten Einfluss auf mein Handeln, mein Entscheiden, meinen Blick für das Leben hat. Unwissenheit darüber, dass ich so, wie ich bin, nicht ohne Grund bin und dass es tatsächlich Erklärungsmuster gibt, in die ich hineinpasse (mit andere Worten: Ich bin gar nicht einfach nur komisch. Das hat handfeste Gründe J!). Unwissenheit darüber, dass sich mit Erfahrungen, Umständen und Eigenarten meines Lebens auseinandersetzen ganz viel Gutes und Neues bringen kann.
  2. Verleugnung. Die Anpackerin in mir diskutierte dauernd mit meinem Ego. Das klang dann in Auszügen ungefähr so: „So schlimm ist es doch gar nicht“ und „Ich krieg das schon hin“. Und ja, so schlimm ist es bei mir wahrscheinlich wirklich nicht. Gut, ich bin Scheidungskind, aber hey…? Da haben andere doch viel Schlimmeres erlebt! Ich bin bestimmt nicht verkorkst genug, um (professionelle) Hilfe in Anspruch zu nehmen (oder nehmen zu müssen). Und ja, ich kriege sicher auch einiges hin – aber mit welchem Aufwand? Um nicht zu sagen Kraftakt? Und da es wirklich ein Kraftakt war, manche Verhaltensmuster zu ändern, scheiterte ich regelmäßig an mir selber und ließ irgendwann meine Flügel völlig entkräftet wieder hängen.
  3. Faulheit. Meine ganze Geschichte aufrollen? Wie anstrengend. Mich mit meinem Charakter auseinandersetzen? Och nö… Können wir nicht lieber ein Eis essen gehen? Leider siegte tatsächlich meistens die Bequemlichkeit. Nicht, dass dies mein Leben tatsächlich langfristig bequemer gemacht hätte, denn die Baustellen blieben Baustellen. Aber für den Moment war es einfach einfacher und mit wesentlich weniger Hirnschmalz, Tränen und Seelenengagement verbunden. Die Faulheit paarte sich dann häufig auch noch mit falsch verstandener Christlichkeit: ich soll mich doch nicht ständig nur um mich selber drehen! Ich muss meinen Mitmenschen in den Blick nehmen! Wenn ich mit meinen Sorgen so sehr bei mir bin, habe ich doch gar keine Kapazitäten für Nächstenliebe, Fürbitte für andere, Hilfsbereitschaft und Weltverbesserungsvorhaben…

Und so lebte ich ein normales, wenn auch in einigen Teilen recht unaufgeräumtes Leben. Immer mal wieder stieß ich an Ego-Grenzen, wunderte ich mich über mich selbst, verzweifelte an meinen Eigenarten oder hatte schwere Kämpfe mit mir zu kämpfen. Aber die Stimme in mir „So geht´s doch jedem – that´s life!“ war ziemlich überzeugend und ich beließ es dabei… Warum etwas anpacken, was sich doch nicht ändern lässt und der ganzen Mühe nicht wert ist. Ich bin ich – und muss halt irgendwie mit mir klarkommen – oder etwa nicht?

Ich bin eine Anpackerin. Allerdings bedurfte es hier eines Anpackers, der mich mit beherztem Griff mal in seine liebevollen Hände nahm. Gott stupste mich eines Tages – ich war ca. 22 Jahre alt – in Richtung einer Lebensberaterin. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Besuch bei ihr und wie ich mit zitternden Knien und feuchten Händen ihre Klingel drückte. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete… Lauter unangenehme Fragen, auf die ich keine Antworten geben kann oder will? Psychogekrame in den Kellern meiner Kindheit? Oder doch die Feststellung „Mit Ihnen weiß ich leider auch nicht weiter…!“

Im Nachhinein fallen mir nur zwei Worte ein, die für mich am besten beschreiben, was sich wirklich vor mir auftat: weites Land! Ja, es gab viele Fragen, unangenehme Erinnerungen, Aufdecken von Konflikten. Tränen und Mauern, Tiefen und Ängste. Aber vor allem gab es Ausblick. Ausblick auf Veränderung. Ausblick auf Freiheit. Ausblick auf kraftvolles, genussvolles und überfließendes Leben. Mut. Lust. Kraft. Inspiration.

Im Nachhinein fallen mir nur zwei Worte ein, die für mich am besten beschreiben, was sich wirklich vor mir auftat: weites Land!

Der Prozess, der eine Mischung aus Lebensberatung, Berufscoaching und Seelsorge war, erstreckte sich – immer mal wieder mit intensiveren Phasen und dann auch wieder mit Pausen – über mehrere Jahre. Vieles aus meiner Vergangenheit durfte ich noch einmal durchspielen und verarbeiten, meinen Charakter und meine Gottesbeziehung in den Blick nehmen und reifen lassen und in alledem lernen: Ich darf so sein, wie ich bin – aber ich muss nicht so bleiben! Es gibt jede Menge Neues zu entdecken. Gott ist noch nicht fertig.

Seit dieser Beratungsphase sind nun einige Jahre vergangen. An manchen Themen habe ich immer noch zu knacken, mancher Knoten ist aber auch bereits geplatzt! Doch nach wie vor ist eine Wahrheit aus dieser Zeit ganz wichtig für mich: der Weg geht weiter. Gott ist noch nicht fertig. So manches will noch angepackt werden! Und für nichts davon ist es zu spät, zu verkorkst, zu hoffnungslos.

Mittlerweile gibt es neue Themen, die meinen Charakter, meine Reife und mein Leben bewegen. Erst neulich habe ich mich mit dem Gebiet der Hochsensibilität beschäftigt, Bücher dazu gelesen, ein Seminar besucht. Mega-spannend. Es geht weiter!

Gott ist noch nicht fertig. Es bleibt spannend. Was ich in meinem Leben mitbringen, hat mich geprägt und zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Da ist eine Menge Gutes dabei. Zum Beispiel die Anpackerin. Aber eben nicht nur. Manche Wesenszüge sind Gaben, andere bedürfen der Korrektur. Ich habe eine Verantwortung für mich. Und die möchte Gott mit mir gemeinsam anpacken.

(dieser Artikel ist zuerst in der Joyce erschienen)

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Elena Schulte

Elena Schulte

lebt mit ihrer Familie im südlichen Rheinland. Sie ist beim Missions- und Bildungswerk "Neues Leben e.V." angestellt und arbeitet als Speakerin und freie Autorin. Ihr Herz brennt dafür, Frauen herauszufordern, mitten in ihrem Leben Jesus zu begegnen und mutig ihren Platz in seiner Geschichte mit dieser Welt einzunehmen. Dafür nutzt sie ihre Liebe zur Kreativität, zur Schönheit und zum Umgang mit Worten.

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