Der „Ich-bin-der-ich-bin“ mitten im „Nichts-bleibt-wie-es-ist“

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Der „Ich-bin-der-ich-bin“ mitten im „Nichts-bleibt-wie-es-ist“

Ich war vor Kurzem auf einer 90er-Jahre-Party eingeladen. Um stilecht dort aufschlagen zu können, besorgte ich mir eine Latzhose, Doc Martens, eine Tattookette und blauen Lidschatten. Während meiner Vergangenheits-Recherchen stolperte ich außerdem über bauchfreie Tops, die Spice Girls, die Backstreet Boys, Schnullerketten, Ballonseide, Marushas Augenbrauen und gecrappte Haare. Mich für den Abend zurecht zu machen und für ein paar Stunden in die Welt von FRIENDS und der Bravohits einzutauchen, fühlte sich ein bisschen so an, als wäre ich wieder 16 und dürfte zum ersten Mal in die Disco. Es war eine absolut spaßige Zeitreise und dennoch war mein Fazit: Wie gut, dass Zeiten sich ändern!

Unweigerlich brachte mich dieser Anlass aber auch über die Zukunft ins Nachdenken: was werden die nächsten zwanzig Jahre bringen, wenn sich in den letzten zwanzig so unglaublich viel verändert hat (und dazu zählt bei Weitem ja nicht nur die Mode und der Musikgeschmack)? Unsere Kinder sind bis dahin erwachsen und (vermutlich) ausgezogen, haben vielleicht eigene Familien. Werden wir noch im Westerwald wohnen? Noch die selbe Gemeinde besuchen? Haben wir Vieles beibehalten oder sind wir offen für Neues geblieben? Welche Hobbys haben wir dann, welche Freundschaften, welche Träume? Welche Krankheiten haben wir erlebt und vielleicht auch nur mit Mühe überlebt (haben wir alle überlebt?) Gab es Schicksalsschläge und Leid? Was haben diese Erfahrungen für Menschen aus uns gemacht?


Was werden die nächsten zwanzig Jahre bringen, wenn sich in den letzten zwanzig so unglaublich viel verändert hat?


Die Gedanken über die Zukunft lösen IMMER zweierlei in mir aus: zum einen ist es große Vorfreude! Ich liebe Veränderungen, neue Erfahrungen, Herausforderungen, Projekte, Ideen und Träume und es juckt mich dauernd in den Fingern, Dinge auszuprobieren und meinen Horizont zu erweitern. Zum anderen schwingt bei dieser Abenteuerlust aber immer auch Respekt, Angst und Sorge mit. Was, wenn ich nicht festhalten kann, was sich nicht verändern soll? Wenn mir Dinge genommen werden, die mir so lieb oder so vertraut waren? Wenn ich mich auf neue Umstände nicht einstellen will oder kann? Wenn Veränderung mich überfordert – und hier geht es sowohl um persönliche und kleine Veränderung, wie aber auch um technische, (welt-)politische oder kulturelle.

Mir fällt ein Satz der Bibel ein. Eigentlich ist es ein Name oder noch genauer gesagt eine Beschreibung. Gott selber nennt sich so, als Mose ihn fragt, wer er eigentlich ist. „Ich bin der Ich-Bin“. Andere Übersetzungen versuchen den Kern dieses Namens auch wiederzugeben mit: Ich bin der Ich-bin-da. Ich bin der ich immer bin. Ich werde sein, der ich sein werde.

Gott ist derselbe. Gestern. Heute. Immer. Zunächst scheint das fast unglaublich und widersprüchlich. Ist er wirklich immer derselbe – als er Sodom und Gomorra vernichtete und als er in Jesus am Kreuz für die Schuld der Menschen starb? Als er Elia am Bach Krit mit Brot versorgte und als er das Ende der Welt mit Feuer und Gericht ankündigte? Kann ein und der selbe Gott so unterschiedlich sein und dabei doch unveränderlich?

Ich glaube ja. Ich glaube, dass wir hier seine Größe und Weite, seine Macht, seine Unberechenbarkeit und seine Souveränität sehen. Aber das hat nichts zu tun mit Willkür, Beliebigkeit oder Sprunghaftigkeit. Gott ist, der er ist. Das war vor 3500 Jahren so, das war in den 90ern so, das ist heute so und das gilt für jeden einzelnen Tag in der Zukunft.

Ich hatte einen Moment, in dem mir ganz besonders klar geworden ist, welche Sicherheit und welch unfassbare Tiefe in dieser Wahrheit liegt, dass Gott sich nicht verändert – auch wenn sie so unfassbar ist. Unsere damals 2jährige Tochter war krank. Es war mitten in der Nacht, sie fieberte extrem hoch und mein Mann und ich wollten eigentlich am nächsten Tag auf eine Konferenz fahren. So stand ich nun in unserem Bad, wiegte die kleine, kranke Maus auf meinem Arm hin und her, schwankte emotional zwischen „das wird schon“ und „wir müssen alles absagen“, ließ eine Träne der Verzweiflung und Ratlosigkeit über meine Wange laufen und begann zu beten. Und während ich das tat, fiel mir ein, dass ich in meiner stille Zeit grade die Geschichten von Abraham und Isaak und Jakob las. Und dass die Juden Gott als den „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ ansprechen. Und dass Gott sich nicht verändert hat. Sprich: das mein Gott, an den ich glaube, der heute etwas mit mir und meinem Leben zu tun hat und dem ich meine Sorgen anvertrauen kann, genau derselbe Gott ist, der damals das rote Meer geteilt, Abraham ein Baby versprochen, mit Jakob gekämpft und den Regenbogen in den Himmel gehängt hat. Er hat nichts an Souveränität, an Kreativität, an Macht und an Liebe verloren. Jede einzelne Geschichte der Bibel malt ein Detail, eine Facette dieses Gottes bunt aus und hilft mir zu glauben und zu verstehen, wie der Gott ist, mit dem ich jetzt, heute, hier rechnen darf. Der mich kennt. Der meine Tochter kennt. Der Galaxien erschaffen und Fieber heilen kann. So betete ich für die Situation. Für Gesundheit. Für Weisheit und für Frieden. Und ich betete dabei bewusst zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs (ich sprach das laut aus).


Gott hat nichts an Souveränität, an Kreativität, an Macht und an Liebe verloren.


Das änderte alles. Nicht an meiner derzeitigen Situation (ich stand immer noch im Bad, meine Tochter hatte immer noch Fieber und ich hatte auch immer noch keine Lösung für die Situation). Aber an mir, meinem Herzen, meinen Gedanken, meiner Zuversicht. Ich sprach keine leeren Worte in einen leeren Raum. Ich durfte mich an den wenden, der die Weltgeschichte lenkt, der das Schicksal eines jeden Menschen kennt, der das Universum gemacht hat, nachdem er schon vor aller Zeit da war und der die letzte Minute dieser Welt in seinen Händen hält, bis die Ewigkeit dann in die nächste Runde geht.

Ich spreche mit dem Ich-bin-der-ich-bin-und-ich-bin-da-und-ich-bin-verlässlich-und-ändere-mich-nicht. Und das habe ich so nötig. Nichts brauche ich dringender. An jedem einzelnen Tag. In allem Wandel, allem Abenteuer, allem Wagnis und aller Bedrohung steht eins unumstößlich: ich bin nicht alleine. Ich bin sicher. Ich darf mutig sein. Denn ich bin getragen. Von dem, der sich niemals ändert. Von dem, der da ist und der er ist – egal, ob bei Abraham, Isaak oder Jakob, in der französischen Revolution, bei der ersten Mondlandung, auf einem Guns´n´Roses-Konzert, in meinem Wohnzimmer oder wenn der erste Mensch gebeamt werden kann.

Auch, wenn alles im Wandel ist – er ist, der er ist.

(Dieser Artikel ist zuerst in der Joyce erschienen)

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Elena Schulte

Elena Schulte

lebt mit ihrer Familie im südlichen Rheinland. Sie ist beim Missions- und Bildungswerk "Neues Leben e.V." angestellt und arbeitet als Speakerin und freie Autorin. Ihr Herz brennt dafür, Frauen herauszufordern, mitten in ihrem Leben Jesus zu begegnen und mutig ihren Platz in seiner Geschichte mit dieser Welt einzunehmen. Dafür nutzt sie ihre Liebe zur Kreativität, zur Schönheit und zum Umgang mit Worten.

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